ON PARADISE / Teil # 04 | Die Welt verlassen / das Ende - Ingolf WatzlawIngolf Watzlaw
ON PARADISE / Teil # 04 | Die Welt verlassen / das Ende


 
Neuinterpretation des rechten Seitenflügels des Triptychons “Garten der Lüste” von Hieronymus Bosch
(Die Hölle, ca. 1480-90)
2025
Buntstift, Eitempera, Pigment, Leim, Acryl auf Holz
210 x 50 cm
 


 
“Meine Räume sind vergänglich:die Zeit wird sie abnutzen, wird sie zerstören: nichts wird mehr dem gleichen, was einmal war (…)”
Georges Perec, Träume von Räumen

 
Neben dem Mittelteil des Tryptichons von Hieronymus Bosch ist der rechte Seitenflügel mit seiner ikonischen Darstellung der Hölle, wohl der bekannteste Teil des Gemäldes. Auch in diesem Bild lassen sich Fantasie und Realität wie in den anderen Teilen des tryptichons kaum voneinander trennen.
In diesem abschliessenden Teil ist ein kaum beschreibbares Schreckensszenario aus Mordlust, Krieg und monsterhaften Gestalten abgebildet, das uns in seiner Rätselhaftigkeit, mit einer gewissen Ratlosigkeit zurücklässt. Hier lässt Bosch die durch den Menschen verursachte, irdische Hölle, mit der fantastischen Ausmalung einer jenseitigen Hölle zu einem Bild düsterer Dystopie verschwimmen. Dabei ist Boschs harsche Kritik an den Zuständen in Gesellschaft und Kirche kaum zu übersehen.
Der Tod ist in diesem Bild das letze endgültige Übel allen Seins. Dennoch bleibt die wirkliche Grausamkeit durch die fantastischen Motive und Figuren auf Distanz. Die Hölle wirkt eher wie eine Geisterbahn, ohne dass sich Bosch dem Unvorstellbaren wirklich bildhaft anzunähern vermag.
Goya ist diese Annäherung durch seine schonungslose Darstellung der Realität 300 Jahre später in seinen Grafiken “Los desastres de la guerra” sicher besser gelungen als Bosch.
Weitere 200 Jahre später befinden wir uns in einer Überfülle des bildhaften Grauens aus digitalen Bildern und Videoschnipseln, deren Herkunft und Zweck wir kaum noch nachvollziehen können. Damit geht auch der Sinn dieser Bilder des Leidens verloren, den Susan Sonntag in ihrem Essay “Das Leiden anderer betrachten” darin sieht, dass diese Art der Bilder eine “Aufforderung zur Aufmerksamkeit, zum Nachdenken, zum Lernen” sein können (6).

Ich wähle einen anderen Weg und wende mich ab von Bildern der Grausamkeit. Stattdessen betrachte ich die alltäglichen Spuren des Todes, die in unserer Gesellschaft eher an den Rand verdrängt werden.
Ich gehe also über Friedhöfe, was ich schon immer gern getan habe, den zahllosen Geschichten auf der Spur, deren letztes Zeichen ein verblasster Stein bildet und ich denke dabei an die absurde Annonymität der endlosen Gräberreihen der Kriegsopfer, die in den ikonischen Bildern des Nationalfriedhofs in Arlington ihren Höhepunkt findet.
Meine Interpretation des Höllenflügel zeigt daher nur die, bis zum Horizont reichende Gräberreihen vergangenen Lebens.
In einer von Fragmenten aus Boschs Hölle durchzogenen nächtlichen Landschaft, stehen sie im fahlen Licht, durchbrochen von Nancy Holds Suntunnels, die es vermögen die Sterne zurück auf die Erde zu holen und flankiert vom leer aufgefundenen Segelboot Jan Bas Aders am linken Horizont, dessen Verschwinden wohl nie ganz geklärt werden kann.
Als Fortsetzung dieser Neuinterpretation, skizziere ich auf verschiedenen Friedhöfen Gräber, die mir ihre verborgenen Geschichten zu erzählen scheinen und übertrage diese Skizzen auf Zeichnungen, die wiederum zur Vorlage für Zeichnungen mit weißem Stift auf dunkel grundierte Holzplatten werden.
 


 

 

 

 

 

 

 
oben:
Rekonstruktionen verschiedener Grabstätten (Friedhof Pankow III, )
2025
Zeichnung | Buntstift, Eitempera, Pigment und Leim auf Holz, je 40 x 40cm
 
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