ON PARADISE / Teil # 03 | In die Ferne schweifen / das Fremde - Ingolf WatzlawIngolf Watzlaw
ON PARADISE / Teil # 03 | In die Ferne schweifen / das Fremde


 
Neuinterpretation des linken Seitenflügels des Triptychons “Garten der Lüste” von Hieronymus Bosch
(Das Paradies, ca. 1480-90)
2025
Buntstift, Eitempera, Pigment, Leim, Acryl auf Holz
210 x 50 cm
 


 
“Als wir noch auf pathetische Weise an den Ort unserer Geburt gebunden waren und hoffen durften, unsere Lieben niemals zu verlassen, fuhren wir dennoch hierhin oder dorthin und unternahmen gelegentlich gar eine Welt­reise (…)”
Michel Serres, Atlas

 
Interessanterweise bezeichnet das altpersische Wort pairidaēza eine eingezäunte Fläche. Das griechische Wort Paradeisos leitet sich davon ab und bezeichnete ursprünglich die persischen Königsgärten, abgeschottete Orte, zu denen die gewöhnlichen Sterblichen keinen Zugang hatten, so wie es uns heute verwehrt bleibt, die abgeschotteten Villen, Clubs und Events der Milliardäre zu betreten.

Doch weshalb sollten wir uns für abgeschottete Orte interessieren?
Müssen wir uns nicht gegen die Abschottung als Methode auflehnen?
Sollten wir uns nicht für die erreichbare Welt interessieren und unser Umfeld gründlich erkunden, statt den Blick auf das Unerreichbare zu lenken?
Trotzdem bleibt eine Sehnsucht nach dem Fremden, ein Drang zur Entdeckung und Erkundung dem wir folgen.
Im dritten Versuch verlasse ich also mein alltägliches Umfeld und will gedankenverloren in die Ferne schweifen, um die erreichbare Welt auf eigene Faust zu erkunden.
Ich gehe los um über die Mauern der vielversprochenen utopischen Paradies zu blicken und mir ein Bild zu machen, ein gezeichnetes Bild irdischer Paradiese – oder besser Sehnsuchtsorte die doch ganz anders sind, als wir sie uns in unseren Gedanken ausmalen.

Im christlichen Mittelalter verspricht der mythische Ort des irdischen Paradieses ewiges Leben und unbegrenzte Ressourcen. Allerdings bleibt er unzugänglich, obwohl er als Teil der irdischen Welt irgendwo im Osten verortet wird. So zeigt beispielsweise die um 1300 entstandene Epstorfer Weltkarte, die 1944 in Hannover verbrannte, das Paradies als ummauerten Ort in dem sich sowohl der Baum des Lebens wie auch der Baum der Erkenntnis befinden. Beschrieben wird der Ort als „lieblich und rundum angenehm“, aber „für Menschen nicht bewohnbar und von einer himmelhohen Feuerwand umgeben“. (4)
Ein weitverbreitetes Motiv des Mittelalters ist die Suche nach einem fernen Paradies, das aber unerreichbar bleibt. Einzig der heilige Brendan soll auf seiner Atlantikreise im 6. Jahrhundert eine Insel erreicht haben, die als das „verheißene Land der Heiligen (terra repromissionis sanctorum)“ bezeichnet wird. Nach der Überlieferung trugen auf der von Nebel umgebenen Insel alle Bäume Früchte und der Tag endete nie.
Auch wenn die geheimnisvolle Insel auf alten Karten westlich der Kanaren verortet wird, spricht vieles dafür, dass es sich um das oft von Nebel verhüllte Neupfundland im Osten Kanadas gehandelt haben könnte, was aber letztlich auch nur den innerweltlichen Charakter des Paradieses bestätigen würde …
Sagen wir es so: Die Suche nach konkreten, schwer erreichbaren, paradiesischen Orten hat bisher keine allzu großen Erfolge gebracht.
Schon weil es sich um eine rein topologisch angelegte Suche handelt, deren Ergebnis letztlich immer eine Ortsverschiebung ist, erscheint die Suche nach völlig unbekanntem Land in unserer heutigen, fast vollständig kartografierten Welt einigermassen aussichtslos. Aber vielleicht lohnt es sich gerade deshalb, die Erkundung selbst fortzuführen um mit mit eigenen Augen zu sehen was die erschlossene welt zu bieten hat. Vielleicht entdecken wir ja doch noch etwas Neues oder völlig Unerwartetes, nicht zuletzt in einer zwar digital zugängliche aber dadurch auch immer ferner und abgeschlossener wirkenden Welt.

Der dritte Versuch des Zylus bezieht sich auf den linken Seitenflügel des Triptycons, in dem Hironymus Bosch das biblische Paradies dargestellt hat, mit einem milde auf die Berachter*in blickenden Gott in der Gestalt Jesu im Zentrum, sowie einem sitzenden verdutzt wirkenden Adam und einer Jesu zugewandten Eva zu seiner Linken.
Es ist ein versöhnlicher und ruhiger Orte der Ferne und zugleich Nähe ausstrahlt, von exotischen und gleichzeitig heimischen Pflanzen und Tieren bevölkert. Vielleicht hat dieser Ort ja Ähnlichkeit mit jenem Pol, den Bruno Latour in seinem terrestrischen Manifest beschreibt, an dem sich die konstruktiven Kräfte des lokalen mit den konstruktiven Kräften des Globalen versöhnen und so zusammenwirken, daß neue, nachhaltigere Seinsweisen entstehen (5).
Also begebe ich mich auf die Reise, besinne mich auf meine eigenen fernen Sehnsuchtsorte, von denen ich Skizzen mitgebracht habe.
Im Atelier rekonstruiere ich diese Orte analog zu meiner bisherigen Vorgehensweise aus mitgebrachten Skizzen und meinen Erinnerungen an diese Orte. So verbinde ich die lokale Gegenwart mit fernen Orten der Vergangenheit.
Als Ergebnis dieses Rekonstruktionsprozesses entstehen wieder Zeichnungen mit weißem Farbstift und Eitempera auf dunkel grundierten Holzplatten, die diese Orte vergegenwärtigen, sowie eine auf die Gegenwart aus Abgrenzung, Ausgrenzung und Unerreichbarkeit bezogene Neuinterpretation des Paradiesgartens, in der Boschs biblisches Paradies als abgeschlossener, unbelebter und von einer Mauer umgrenzter Garten gezeigt wird.

 


 

 

 
oben:
Rekonstruktionen ferner Orte (Olivenhaine auf Korfu, Griechenland)
2025
Zeichnung | Buntstift, Eitempera, Pigment und Leim auf Holz, je 50 x 80cm
 
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