ON PARADISE / Teil # 02 | Der Garten - Ingolf WatzlawIngolf Watzlaw
ON PARADISE / Teil # 02 | Der Garten


 
Neuinterpretation der Mitteltafel des Triptychons “Garten der Lüste” von Hieronymus Bosch
(Garten der Lüste, ca. 1480-90)
2024
Buntstift, Eitempera, Pigment, Leim, Acryl auf Holz
110 x 100 cm
 


 

“(…) Wo ist der HERR, der uns aus Egyptenland führete, und leitete uns in der Wüsten, im wilden und ungebahneten Lande, im dürren und finstern Lande, im Lande, da niemand wandelte, noch kein Mensch wohnete?”
Arno Schmidt, Abend mit Goldrand

 
Im zweiten Teil der Werkgruppe untersuche ich das Motiv des Paradieses als Ort des irdischen Paradieses. In Anlehnung an Boschs Mitteltafel des Triptychons „Garten der Lüste“, bei der Bosch nach einer Interpretation von Hans Belting die biblische Schöpfungserzählung so interpretiert, als ob es keinen Sündenfall gegeben hätte, beginne ich die zentrale Projektphase mit dem Motiv der Paradieses als Garten.
Bei meiner Neuinterpretation der Mitteltafel lasse ich alle Figuren und Architekturen weg und konzentriere mich ganz auf die stilisierte Komposition der Landschaft, mit zentralem Wasserbecken, See und Hügeln im Vordergrund sowie der Flusslandschaft im Hintergrund.
Dabei schaffe ich als Gegenpol zu Boschs Lustgarten eine distopische Landschaft aus der alles Leben verschwunden ist.

Für den mit dem mit dem Motiv eines utopischen Paradieses korrespondierenden Teil der Arbeit, steht der Garten, als Ort im Freien in der unmittelbaren Umgebung der Behausung im Zentrum. Der Garten ist Ort der Ruhe und der Verlangsamung, ein Ort der uns auf uns selbst zurückwirft, an dem Imagination Sehnsucht und Realität miteinander verbunden sind. Der Garten ist jener Ort, an dem sich die Grenzen zwischen Aussen und Innen auflösen, der Ort an dem wir auf geschützte Weise Teil der Welt sind.
Als Garten betrachte ich Naturräume meiner näheren Umgebung, Orte die ich gern allein oder mit Freunden und Kindern aufsuche.
Es sind kleine Orte des Glücks, unspektakulär und auf den ersten Blick bedeutungslos.
Vor Ort skizziere ich die Landschaften in mein Skizzenbuch.
Durch den gleichzeitig beobachtenden und selektierenden Vorgang des Zeichnens dringen die Orte tiefer in mein Bewusstsein und werden zu konkreten Formen einer bildnerischen Komposition.
Im Atelier zeichne ich die besuchten Orte anhand meiner Skizzen nochmals nach und rekonstruiere so die skizzierten Orte aus meinen Notationen und aus Erinnerungsfragmenten.
Während des Zeichnens füge ich unbewußt Details hinzu und lasse andere weg, so dass neue Kompositionen entstehen, die nicht mehr unmittelbar die ursprünglichen Orte darstellen.
Im Anschluss zeichne ich die rekonstruierten Landschaftsausschnitte ein drittes mal, diesmal mit Farbstift auf dunkel grundierte Holzplatten.
Diese Methode der Negativzeichnung mit weißen Linien auf dunklen Grund, nimmt Bezug auf die analytischen Röntgenbilder, anhand derer die von Bosch ebenfalls in schwarz/ weiss ausgeführte Technik der Untermalung sichtbar wird.
Durch diese Röntgenbilder werden im fertigen Bild nicht mehr sichtbare Teile des ursprünglichen Entwurfs und Veränderungen im Malprozess sichtbar.
Im von mir angewandten Prozess des wiederholten Zeichnens ergebensich letztlich Zeichnungen, in denen die realen Landschaften in einer Mischung aus Abbild und Erinnerungsbild rekonstruiert werden und durch Hinzufügungen und Weglassungen zu neuen imaginären Orten werden.
Es entstehen verfremdete, traumartige Orte, die auf eine andere Realität jenseits der ursprünglichen Realität verweisen und die so den imanent fiktiven Charakter jeder Paradieserzählung entlarven.

Dabei werden die beiden wegweisenden künstleischen Errungenschaften der frühen Neuzeit innerhalb der Zeichnungen miteinander verknüpft:
Hieronymus Boschs Idee einer Darstellung des Imaginären und Albrecht Dürers Primat der genauen Beobachtung der Natur.
 



 

 

 

 

 

 
oben:
Zeichnungen zur Rekonstruktion verschiedener Orte
2022-25
Zeichnung | Buntstift, Eitempera, Pigment und Leim auf Holz, je 40 x 60cm
 
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