ON PARADISE / Teil # 01 | Die Behausung - Ingolf WatzlawIngolf Watzlaw
ON PARADISE / Teil # 01 | Die Behausung


 
Neuinterpretation der Aussenseite des Triptychons “Garten der Lüste” von Hieronymus Bosch
(Die Schöpfung am 3.Tag, ca. 1480-90)
2024
Buntstift, Eitempera, Pigment, Leim, Acryl auf Holz
110 x 100 cm
 


 

“(…) ich bin“, „du bist“ besagt: ich wohne, du wohnst.
Die Art wie du bist und ich bin, die Weise, nach der wir Menschen auf der Erde sind, (…) ist das Wohnen.”
Martin Heidegger, Bauen Wohnen Denken

 
Wenn beide Aussenflügeln des Tryptichons geschlossen sind, wird ein Bild sichtbar, das in Grisailletechnik gemalt, den Erdkreis am dritten Tag der Schöpfung dargestellt. Es ist jener Tag, an dem nach biblischer Überlieferung, Land und Meer voneinander getrennt werden und die ersten Pflanzen das Land bevölkern.
Es ist der Tag, an dem die Erde zur Behausung wird, zunächst für Flora und Fauna, später auch für die Menschen.

Im ersten Teil meiner Neuinterpretation des Tryptichons schaue ich auf das Motiv der Behausung als Grundmodus der Existenz.
Dazu setze ich der Leere dieses ersten Tages,
die sich in Boschs Vorstellung dem kommenden Leben öffnet, die drohende Verdrängung des Lebens durch die Masslosigkeit unserer Zivilisation entgegen, in der die Welt des angebrochenen Anthroprozäns langsam an seine ökologische Belastungsgrenze zu kommen scheint.

An die Neuinterpretation von Boschs Aussenflügen schliesse ich den ersten Versuch meiner Arbeit an, der sich der Behausung des Menschen widmet.
In diesem Teil setze ich mich kritisch mit Orten des Wohnens und den selbsterschaffenen häuslichen Paradiesen auseinander, jenen versteckten Rückzugsorten, die verstärkt durch Pandemie und Überforderung, zum Lebensmittelpunkt vieler Menschen geworden sind.

Dazu untersuche ich einzelne dieser privaten Rückzugsorte genauer, in denen wir nach Hugh Hefner zu “freiwilligen Eremiten in (unserem) eigenen Paradies” werden (vgl. Paul B. Preciado, Vom Virus lernen).
Zu Beginn dieses Teils der Arbeit besuche ich Freunde, Bekannte und Verwandte in ihren privaten Räumen und befrage sie in aufgezeich-neten Interviews zu ihrer Weise des Wohnens und rekonstruiere mit ihnen gemeinsam die erinnerten Wohnräume ihrer Kindheit. Im Atelier fertige ich anhand mitgebrachter Skizzen, axonometrische Zeichnungen der Wohnräume und Kindheitsräume.
Diese Zeichnungen übertrage ich auf dunkel grundierte Holztafeln.
Die nach dem Vorbild alter Plantafeln detailliert beschrifteten Tafelzeichnungen öffnen die Zeit-ebenen des Wohnens von der Kindheit zur Gegen-wart, inden sie Lebensraum und Erinnerungsraum miteinander verbinden und so auf die Behausung als Zentrum unseres Seins verweisen.
Letztlich handelt es sich bei diesen Bildern, in Verbindung mit den Inteviews, um abstrakte Portraits der jeweiligen Personen, deren Räume dargestellt sind.
 



 

 
oben:
Axonometrische Konstruktionen zur Visualisierung eines vermessenen Wohnraums und eines diesem gegen-übergestellten, aus der Erinnerung rekonstruierten Wohnraums der Kindheit
2024
Zeichnung | Buntstift, Eitempera, Pigment und Leim auf Holz, 52,5 x 80cm
 
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